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  Moritz Busch, Redakteur bei den Grenzboten
Jürgen Matoni in: Gustav Freytag Blätter Nr. 49 (1991), S. 37 - 50.

Julius Hermann Moritz Busch wurde am 13.02.1821 in Dresden geboren und starb am 16.11.1899 in Leipzig. Er unternahm viele Reisen; nach Amerika, über die er "Wanderungen zwischen Hudson und Mississippi" schrieb, für den Österreichischen Lloyd in den Orient "für litterarische Zwecke".(1) Er hat für verschiedene Zeitungen gearbeitet, war im von Preußen okuppierten Hannover in Diensten des Zivilkommissars "um die Interessen Preußens in der dortigen Presse zu vertreten"(2), trat 1870 in die Dienste des Pressebüros Bismarcks und hatte während des Krieges 70/71 als Pressereferent für die Unterrichtung der Presse im Sinne Bismarcks zu sorgen.

Nachdem er seit 1852 schon für die Grenzboten geschrieben hat, in Freytags Auftrag dann 1855 nach Schleswig - Holstein ging, übernahm er 1856 die Redaktion der Grenzboten, die er 1866 verließ.

Es scheint zu Anfang eine gedeihliche Zusammenarbeit gewesen zu sein. Freytag nannte Moritz Busch 'Buschel'(3), 'liebster Busch'(4), 'gutes Kerlchen'(5) usw. Busch selbst titulierte sich Freytag gegenüber als 'Ihr getreuer Buschius'(6), war voll des Lobes für Freytags publizistische Arbeiten "... entzückender Artikel ... prächtige Charakteristik.."(7) und 'lebte sich allmählich', wie er selbst schrieb in die 'politischen Anschauungen' Freytags und Schmidts hinein.(8) Dieses gute Einvernehmen, das man ruhig schon Freundschaft nennen kann, endete Mitte der sechziger Jahre, sodaß im Rückblick von diesem Einvernehmen kaum etwas übrigblieb. So schreibt Freytag am 17.04.1870 an seinen Freund Stosch:

Er [Bismarck JM] hat jetzt das kleine Scheusal Busch in seine Nähe gezogen und bläst in dieses abgelegte Kleid der "Grenzboten" seinen Rauch.(9)

Auch aus der Sicht von Moritz Busch war von dieser Freundschaft nichts mehr zu spüren. In seinen 'Tagebuchblättern' wird Freytag nur einige, wenige Mal beiläufig genannt. Auch ein Wiedersehen im Verlaufe des Krieges 70/71 wird eher beiläufig erwähnt:

Hofrat Freytag in der Nähe des Hauses, wo der Kronprinz wohnt, gesehen und einen Augenblick gesprochen. Er kehrt heute mit einem von unsern Feldjägern nach Hause zurück, da es, wie er zu Keudell geäußert hat, für ihn hier nichts zu thun giebt. Eine rühmliche Selbsterkenntnis und ein verständiger Entschluß, [...](10)

Es gibt keinen offensichtlich erkennbaren Anlaß für diesen Bruch. Woran liegt es also, daß sich das Verhältnis zwischen den beiden so einschneidend geändert hat, daß aus dem 'Büschlein' das 'unselige Gesträuch'(11) wurde? Kann man Busch den Grund glauben, den Bismarck gegenüber angegeben haben will:

Ich habe die Grenzboten redigiert - ungefähr ein nationalliberales Blatt, von dem ich aber abging, als der eine der Besitzer in der schleswig - holsteinischen Frage im fortschrittlichen Wasser gefahren wissen wollte.(12)

Kann es tatsächlich eine Überzeugung gewesen sein, eine politische Ansicht, die ihm so wichtig war? Er selbst sagt, daß er sich in die politischen Anschauungen Freytags und Schmidts 'eingelebt' hatte und es ist nicht festzustellen, daß Freytag in dieser Zeit seine Anschauungen geändert hat. Trotzdem verließ Busch das 'Blatt' wegen dieser Anschauungen.

Auf den ersten Blick erscheint er als guter Publizist und Redakteur, der von allen gelobt(13) wird. Doch ist dieses Lob nicht uneingeschränkt und meist auch nur oberflächlich. Bei genauerem Hinsehen wird deutlich, daß Busch zumeist nur für untergeordnete Aufgaben verwendet werden konnte und man ihm verantwortungsvolle Aufgaben nicht zutraute - oder nach einiger Zeit diesen Mangel feststellte.(14) Der Biograph Buschs in der NDB Heinrich Otto Meisner lobt Busch eigentlich uneingeschränkt, doch wird klar, daß er dessen Charakter nicht gerade hoch schätzte.

Sichtlich bereitete es dem "Büschlein"(15) auch Befriedigung, im Auftrage des "Chefs" [Bismarck JM] jemanden, an den er sonst nicht heranreichte, eins auswischen zu dürfen.(16)

Diese Darstellung der Haltung Buschs im Pressebüro Bismarcks macht deutlich, daß Busch eben nicht der große Publizist war, sondern eher jemand, der aus seiner Stellung heraus, unter dem Schutze Bismarcks und natürlich zumeist in seinen Artikeln nicht unter seinem Namen, bessere 'an die er sonst nicht heranreichte', anzugreifen. Gleichwohl war Bismarck selbst nicht gerade überzeugt von den Leistungen Buschs.(17) Obwohl der Biograph 'trotz solcher und anderer Vorbehalte' den 'treuen Eifer' Buschs lobt, kann sein Lob nicht so ohne weiteres akzeptiert werden.

Trotz solcher und anderer Vorbehalte verdanken die Nachlebenden dem treuen Eifer B. s nicht nur die Kenntnis einer Fülle authentischer Bismarckgespräche ersten Ranges, vor allem von 1870/71, sondern auch die Beschreibung des Alltags einer großen Persönlichkeit, ihrer amtlichen und häuslichen Umwelt, nicht zuletzt der Methoden der Bismarckschen Pressepolitik, von den dokumentarischen Einschüben verschiedenster Art abgesehen.(18)

Gerade Buschs Bücher über Bismarck ('Graf Bismarck und seine Leute' 1878 und 'Unser Reichskanzler' 1884), wurden schon bei deren Erscheinen stark kritisiert und genau das bemängelt, was der Biograph noch positiv hervorhebt:

[...] Ich meinerseits begnügte mich nicht mit dem Punsch, sondern las auch noch 50 Seiten Bismarckiana in M. Buschs vielgenannten Buch. Meine Frau hat es mir zu Weihnachten geschenkt. Ich freue mich seines Besitzes und fühle bei seiner Lektüre, daß jeder, der noch nolens volens in der Welt lebt, den Inhalt des Buches kennen muß. Als "Buch" aber, ganz abgesehen von der Frage, ob solche Horcher- und Detective- Literatur zu tolerieren ist (den Mann ziert sie sicherlich nicht), find ich die ganze Publikation doch ziemlich schwach. Der Stil ist greulich, alles hackrig und stolprig, so daß einem das Lesen, das einem, bei solchem Stoff, eine Wonne sein müßte, zur Qual wird. Er hätte, nach meinem Dafürhalten, klar und kunstvoll die Szenerie geben und nach Herstellung dieses Rahmens die Bismarckschen Sentenzen einfach in denselben hineinstellen müssen. Ohne jede Zutat.(19)

Diese Kritik Fontanes von 1878 kann eigentlich nicht deutlicher sein. Das einzige, was Fontane gelten läßt, ist der Informationswert in bezug auf die wiedergegebenen Aussagen Bismarcks. Alles, was von Busch selbst dazugegeben wird, lehnt Fontane ab. Das Sujet 'Horcher- und Detective- Literatur' findet er nicht sehr ehrenvoll, den Stil 'greulich'. Die Zustimmung zum Inhalt ist natürlich erklärlich. Erstens war alles was mit dem Reichskanzler zu tun hatte von unmittelbarem Interesse, zweitens hat Fontane früher selbst für das 'Literarische Cabinett' des Pressebüros im auswärtigen Amt gearbeitet.(20) Und drittens hatte Busch das Renommee ein guter Publizist zu sein und in der unmittelbaren Umgebung Bismarcks gearbeitet zu haben, ja, Busch selbst erweckte sogar den Eindruck, von Bismarck bevorzugt worden zu sein und besondere Einblicke zu haben. Bismarck hingegen war von den Veröffentlichungen Buschs nicht angetan und wies deren Authentizität mit dem Hinweis auf Buschs 'Ungeschicklichkeit' als Publizist und eine 'gewisse Harthörigkeit' ab, 'die es ihm erschwere, das Gehörte richtig zu verstehen.'(21) Diese 'Harthörigkeit' und andere negative Eigenschaften Buschs wie z. B. 'eine ungewöhnliche Rohheit im Denken und Reden'(22), werden auch von Holstein konstatiert:

Ich sehe noch Busch, wie er, ziemlich weit vom Fürsten absitzend, mit der Hand am Ohr aufhorcht. Als später 'Bismarck und seine Leute' erschien, fanden die Zuhörer von damals, daß alle Bismarckschen feinen Spitzen weggeblieben und nur die Schärfen, bisweilen sogar nur als dumpfe Schläge, wiedergegeben waren. Es war Brausepulver ohne Kohlensäure. Der erste, welcher dies empfand, war Fürst Bismarck, nicht aus Gutmütigkeit, sondern aus verletzter Autoreneitelkeit.(23)

Und Julius von Eckardt, ein Nachfolger Buschs bei den Grenzboten, schreibt in seinen Erinnerungen:

Auf die Beobachtung von Formen ließ Kollege Busch sich aber schlechterdings nicht ein, und zwar aus dem einfachen Grunde, weil er keine besaß. Trotz seiner Welterfahrung und einer nicht ungefälligen äußeren Erscheinung war der Herr Doktor Plebejer, und zwar sächsischer(24) Plebejer geblieben.(25)

Wenn man diese Einschätzungen zusammenfaßt, wird ein Bild Buschs sichtbar, das von dem oberflächlich positiven Bild stark abweicht. Dieses Bild zeigt einen Mann, der nicht der große Publizist ist, der sich an die 'Großen' anlehnt, seinen Vorteil da sucht, wo er meint, mehr erreichen zu können, und der seine Meinung, von Überzeugung kann wohl kaum gesprochen werden, ändert, wenn es ihm opportun erscheint.

Freytag und Schmidt haben die Grenzboten 1848 übernommen, und sich die Redaktionstätigkeit geteilt. Trotzdem war es notwendig, einen verantwortlichen Redakteur zu finden, der sich diesem Geschäft mit ganzer Kraft widmen konnte. Da die Grenzboten nicht viel für einen Redakteur zahlen konnten, wie es viele Äußerungen Freytags belegen, suchten sie immer einen Redakteur, der auch nebenbei andere 'größere' Arbeiten für sich selbst ausführen konnte, um das schmale Gehalt aufbessern zu können. Es wurde also immer ein Redakteur gesucht, der nicht nur die redaktionelle Arbeit ausführen konnte, dabei auch noch - gegen zusätzliches Honorar - selbst Artikel für die Grenzboten verfaßte und einen Teil seiner Zeit auf eigene literarische und/oder publizistische Arbeiten verwendete, wie es in einem Brief an H. v. Treitschke zum Ausdruck kommt:

[...] Wissen Sie einen Redakteur? 500 Thlr. für die redaktionelle Arbeit, für jeden Artikel unser Honorar, es ist für einen thätigen Mann eine Stelle von 1200 Thlr., so daß sie ihm noch Muße zu größerer Arbeit läßt.(26)

Einen solchen Mann scheint Freytag in Moritz Busch gesehen und in der ersten Zeit auch gefunden zu haben. Busch hat erst hin und wieder Artikel auch für die Grenzboten geschrieben, er war als Publizist durch seine Arbeiten ausgewiesen und er schien die gleiche politische Einstellung zu haben wie sie Freytag und Schmidt in den Grenzboten vertraten. Eine große Entlastung war Busch für Freytag zumindest in der Zeit von 1857 bis Anfang 1864, der Zeit, zu der ihn Freytag nach Schleswig-Holstein schickte. Zwischenzeitlich lassen sich keine tiefergehenden Differenzen zwischen Freytag und Busch konstatieren. Jedoch scheint auch Freytag nicht immer mit der Arbeit Buschs ganz zufrieden gewesen zu sein.(27) Oft mußte er ihn korrigieren und praktische Hinweise zur Erstellung der Grenzboten machen. Auch die Eitelkeit Buschs monierte er noch mit Humor:

Unter Ihrem Namen entdecke ich ein D/p Es ist möglich, dass dies bedeuten soll, dass Inhaber des Namens aus Dorpat stamme, aber auch, dass er eine Doublette und doppelt vorhanden sei. In diesem Fall würde ich Sie angelegentlich ersuchen, auch das andere Exemplar von sich für die GZB. zu gewinnen, den von der Art können wir schwerlich genug haben. Sollten Sie aber je gesonnen sein, durch obige Chiffre anzudeuten, dass das Doctorat der Philosophie eine Ihnen anhängende Eigenthümlichkeit sei, so bitte ich Sie hoch u. höchst, mit den Buchstaben nicht so zu geizen, und den Schwachen zur Verdeutlichung wenigstens noch ein h an das p zu hängen.(28)

Dieses Einvernehmen endet mit dem Frühjahr 1864, als Busch in Kiel bleiben möchte, obwohl er noch durch seinen Vertrag mit den Grenzboten gebunden ist und in Leipzig gebraucht wird. Für die Grenzboten hat er in dieser Zeit nicht viel Zeit übrig, wofür er sich in einem Brief an Freytag vom 01.04.1864 wortreich mit viel Arbeit für das Pressebüro entschuldigt:

[...] In den letzten fünf Tagen habe ich neben fünf Stunden Zeitungslesen füglich mit davon brummendem Kopf Zeit finden müssen, nicht weniger als 8 oder 9 größre Artikel verschiednen Inhalts für die National und Weserzeitung sowie für die Presse des Landes zu verfertigen, ganz abgesehen davon, daß ich außerdem mit Pontius und Pilatus zu reden, einen Bericht über die politische Lage des Landes .... für die Delegiertenversammlung in Rendsburg zu schreiben, diese persönlich zu besuchen, ein Flugblatt für Nordschleswig zu fabriciren und dergleichen mehr zu betreiben hatte.(29)

Trotzdem (oder gerade wegen der Menge an Arbeit) will er seine Arbeit in Kiel aufgeben und will im Mai 1864 nach Leipzig zurückkommen. Dafür möchte er die Hilfe Freytags, der einen Brief an Samwer schicken soll, in dem er ihn daran erinnert, daß Busch nur sechs Wochen in Kiel bleiben und in dieser Zeit jede Woche einen Artikel für die Grenzboten schreiben sollte, was er aber wegen seiner Arbeitsüberlastung nicht schaffen konnte. Busch meint, mit diesem Freibrief ließe es sich 'bequemer reden'. In einem weiteren Brief vom 06.04.1864 reagiert er auf einen Brief Freytags, der ihn zwischenzeitlich erreicht haben muß. Busch nimmt bezug auf seinen Brief vom 01.04. und beschwert sich bitter, daß Freytag ihm vorwirft er würde altes Material wiederverwenden, das er schon vor acht Jahren veröffentlicht hat.(30) Weiterhin wehrt er sich gegen Freytags Vorwurf er sei nur aus Eitelkeit noch in Kiel und könne dort nichts mehr nützen:

[...] Dagegen will ich gern zugeben, daß meine Hoffnung hier zwei Herren dienen zu können, ein Irrthum war, ein Irrthum des Verstandes, meine ich, nicht eine Verwirrung der Empfindung von Recht und Unrecht. Und dieser Irrthum wird sich gut machen lassen, u. sollte schon deshalb von Unparteiischen mild beurteilt werden, weil auch auf der andern Seite geirrt wurde.(31)

Und dann, als sei nichts geschehen, verweist er auf den Urlaub, den er noch zu bekommen hat und bisher nie genommen hätte und auf seine Unabkömmlichkeit für den Herzog von Augustenburg, sodaß er erst danach wieder nach Leipzig kommen kann. Freytag schreibt den erbetenen Brief an Franke/Samwer, in dem er darlegt, daß Busch eine gesicherte Stellung haben müßte, um in Kiel bleiben zu können, aber erst noch seinen Vertrag mit den Grenzboten erfüllen muß und nur, wenn er eine feste Stellung bekommen könnte, möglicherweise vorzeitig aus dem Vertrag entlassen würde. Doch zu dieser Festanstellung kommt es nicht. Busch kehrt nach Leipzig zurück und nimmt seine Redaktionstätigkeit wieder auf. Jedoch scheint daß Verhältnis zwischen Freytag und ihm stark gestört zu sein, denn in einem Brief vom 10.05.1864 erklärt Freytag Busch, daß er es besser gefunden hätte, wenn Busch das 'Anerbieten Frankes' angenommen hätte, da Buschs Haltung in bezug auf die Arbeit bei den Grenzboten im 'letzten Vierteljahr' in 'Widerspruch' zu Freytags Auffassung gekommen sei.

Im August 64 überrascht Busch Freytag mit der Mitteilung, daß er wieder nach Kiel in die Dienste des Herzogs zurückwill, obwohl er noch Anfang Juli erklärt hatte, nicht mehr nach Kiel zu gehen, da er sich dort nicht 'behaglich fühlen' würde.(32) Freytag versucht alles, um Buschs Wunsch zu entsprechen, jedoch fällt e ihm nicht leicht:

[...]Weit störender ist, daß Busch sich wieder geschwenkt und nach Kiel will. Er hat einen Antrag, dessen Bedingungen allerdings für ihn nicht von der Hand zu weisen sind. ... seinen Brief, der neben ungeschickter Empfindlichkeit auch ungehörige Forderungen stellt, er will zum 1. August fort, sende ich ihnen ebenfalls...(33)

Trotz allem Entgegenkommen Freytags muß Busch noch bis September in Leipzig bleiben, um einen Vertreter für sich einzuführen. Am 23. August schickt ihm Freytag einen schon von sich und Julian Schmidt unterschriebenen Vertrag zu, der Busch ab der 'vierten Nummer' der Grenzboten 1865 von seinem Vertrag löst, wenn er möchte und in dem bis dahin akzeptiert wird, daß für die Zwischenzeit Max Jordan Busch vertritt, sodaß Busch bis Februar 1865 noch verantwortlicher Redakteur der Grenzboten bleibt. Freytag scheint aber der Meinung zu sein, daß dieser Abschied Buschs endgültig ist und schreibt in diesem Sinn an Hirzel:

[...] Und ich halte im Ganzen betrachtet eine feste Anstellung als ein Glück für ihn .... Daß wir einen gutherzigen Gesellen verlieren, empfinde ich sehr [....](34)

Es scheint auch für Busch so zu sein, daß er sich endgültig von den Grenzboten gelöst hat. In Kiel vertritt er eine andere politische Linie als die Grenzboten, denn in einem Brief vom Dezember 1864 an Freytag kritisiert Treitschke die Haltung und das Vorgehen Buschs in Schleswig-Holstein in bezug auf die umstrittene Frage der Annexion:

[...] Dieser Freund und sein Treiben wird mir leider sehr problematisch. Ich begreife nicht dies Dilettiren in einer Laufbahn, darin er doch nie ein Meister wird. Und sollte er gar die heilsame Annexion verhindern helfen, so mag er es vor dem Teufel verantworten - vor mir nicht.(35)

Doch dieser Eifer für die Sache des Augustenburger war auch nicht von langer Dauer. Am 13.02.1865 schreibt Treitschke an Freytag:

[...] Soeben erhalte ich einen Brief von Busch, der mir wieder des Schreibers gute Tage vor die Augen führt. Er gesteht, daß mein neuester Aufsatz(36) die preußische Gesinnung, die sich längst in ihm geregt, wieder gänzlich aufgeweckt hat: er ist Annexionist und wird in kürzester Zeit Holstein verlassen. Der Brief macht mir einen sehr guten Eindruck, und ich glaube nicht, daß mich die Autoren - Eitelkeit besticht. Ueber seine Zukunft sagt er einfach, die nächste Zeit wenigstens sei ihm ganz unklar. Mir aber ist klar, daß Busch wieder in das Redaktionszimmer der grünen Blätter gehört.(37)

Am 16. Februar schreibt Freytag an Busch und antwortet damit wohl auf einen an ihn gerichteten Brief. Er begrüßt Buschs Entschluß, Kiel zu verlassen und bietet ihm trotz aller Probleme, die er mit Busch hatte, wieder seinen Platz bei den Grenzboten 'am runden Tisch'(38) an. Am 17.02. schreibt Freytag an Treitschke und erklärt ihm, warum die Grenzboten bisher noch nichts für die Annexion Schleswig-Holsteins geschrieben haben:

[...] Von den Gründen, welche mich zur Vorsicht genöthigt haben, nenne ich Ihnen, bis wir uns sprechen, nur einen: Busch steht noch als Redakteur auf dem Blatt und war bis Ende voriger Woche im Solde des Herzogs von Schleswig-Holstein. Durfte ich den armen Jungen ganz zum Lumpen machen?

'Ganz zum Lumpen machen'- ein bißchen Lump war er in Freytags Augen wohl schon. Aber ihn bloßstellen, das wollte Freytag nicht. Er mußte in seinem Blatt stillhalten, damit Busch, der in Kiel eine ganz andere Meinung vertrat nicht als Jemand dastand, der 'zwei Herren diente'. Aber daß er auf die persönliche Integrität Buschs nicht mehr viel setzen würde, scheint klar zu sein. Zu schnell, zu oft hat Busch seine Überzeugung geopfert. Daß Freytag Busch seine Haltung nicht so ohne weiteres verzeiht, wird im Verlauf des Briefes deutlich:

[...] Leider ist ihm die Kieler Affaire nicht geglückt, ohne daß er Federn aus seinen Schwingen verloren hat, hier und ich fürchte auch in Kiel.(39)

Damit war das Problem Busch jedoch noch nicht gelöst. Jetzt - auf der Seite der Grenzboten - scheint Busch gegen die Interessen des Augustenburgers zu schreiben, was nicht im Sinne Freytags war. An Hirzel schreibt Freytag, daß er an 'das Unglückskind Busch, den großen Compromitteur'(40) schreiben wird. In diesem Brief weist er Busch an, nicht mehr über den Augustenburger zu berichten.

[...] Dergleichen steht Ihnen nicht so zu Gesicht, wie ich wünsche, dass Ihr Gesichtel der Welt erscheinen möchte.(41)

Am 10.08.1865 schreibt er an Hirzel und berichtet ihm, daß die 'Kieler' behaupten, Busch "sei ein Hauptcorrespondent für Abeken geworden und sagen ihm nach, daß er Geld von ihm erhalten." Abeken war vortragender Rat im Ministerium Bismarcks und dort für das Pressewesen zuständig. Wie Freytag schreibt, scheint ihm Busch aus dem Weg gegangen war, so daß er ihn zu einer Aussprache, deren Ergebnis 'sehr niederschlagend' war, regelrecht 'stellen' mußte. Bei dieser Aussprache sei dann das 'ganze vergangene Jahr zur Sprache' gekommen, jedoch ohne positives Ergebnis. "Aber es fehlt ihm [Busch JM] gänzlich das Etwas, das über einen Fehltritt erröten macht."(42) Doch Trotz dieser Aussprache und des Verbotes scheint Busch wieder gegen Freytags Weisung verstoßen zu haben. Jedenfalls argwöhnt Freytag, daß Busch einen Artikel gegen den Augustenburger selbst verfaßt haben könnte:

[...] - oder waren Sie es selbst? Daß er [der Autor des Artikels, JM] in der letzten sogar die Entfernung des Augustenburgers durch Gewalt empfahl, das ist den Grenzboten nicht erlaubt...(43)

Er warnt ihn, so weiter zu machen, denn er möchte ihn nicht verlieren 'Nicht für die Grenzboten und nicht für mich'. In einem Brief vom 26.08.65 legt Freytag Busch noch einmal seine Meinung zur Frage Schleswig-Holsteins dar und zeigt ihm, daß er die Lage nicht richtig eingeschätzt hat und nebenbei auch noch in seinen Artikeln ungenau arbeitet: "[...] dann hat Herr Busch geschlaudert, und ungenau referiert". Er verbietet ihm auch explizit, weiterhin Artikel zu diesem Komplex zu schreiben:

[...] Bis Sie Ihr preussisches Gemüth zu meiner Auffassung der S. H. Frage bekehrt haben, wird gut sein, wen sie mich die betreffenden Artikel schreiben lassen.(44)

Danach scheint sich das Verhältnis nicht mehr gebessert zu haben. Obwohl der Ton der weiteren Briefe Freytags an Busch sehr freundlich war, ist die vorbehaltlose Freundlichkeit nicht mehr wiedergekehrt. Auch Busch scheint sich immer weniger Mühe in seiner Arbeit bei den Grenzboten gemacht haben, wie aus einem Brief Treitschkes an Freytag deutlich wird:

[...] Wie sehr ist sogar Busch heruntergekommen! Ich habe ihm kürzlich ernsthafte Vorstellungen gemacht über den ordinären Ton seiner Artikel. Er hat mir zu meiner Freude in einem sehr braven Briefe Besserung versprochen. Ich hoffe, er soll Wort halten, und ich würde es nur menschlich finden, wenn er sich schämte, Ihnen von diesem Briefwechsel etwas zu sagen.(45)

Daraufhin antwortet ihm Freytag lapidar: "Über Busch ist nichts zu sagen, ich will ihn halten, aber es wird schwer werden."(46) Die Vorhaltungen Treitschkes scheinen Busch für kurze Zeit tatsächlich 'gebessert' zu haben, so daß Treitschke im Januar 1866 erfreut an Freytag schreiben kann: "Der Ton der Grenzboten hat sich zu meiner Freude sichtlich gehoben."(47) Doch konnte dies das Ende der Beziehung nur noch für kurze Zeit hinausschieben. Im Juni 1866 verließ Busch die Grenzboten und wechselte endgültig in das Lager Bismarcks, dem 'Schurken', dem Freytag 'selbst eigenhändig einen Laternenstrick drehen könnte', weil er zur 'Abtretung eines Stückes' seiner 'schlesischen Heimat behülflich sein wollte'(48). Erst nach Hannover, wo er den 'Hannoverschen Kurier' übernahm(49), und im Sinne Bismarcks arbeitete, wechselte er dann 1870 in das Pressebüro Bismarcks(50). Treitschke schreibt an Freytag:

[...] Busch's jüngster Schritt hat mich sehr gefreut. Es ist gut, daß ein unwahr gewordenes Verhältniß sich löste. Hinter Busch's Roheit steckt doch ein trefflicher Kern.(51)

Doch Freytag scheint den Glauben an den 'trefflichen Kern' in Busch endgültig verloren zu haben und antwortet:

[...] Was nun das Gesträuch betrifft, so war sein Abgang nicht ganz freiwillig. Es waren drei Kanonenschüsse nöthig.(52)


Anmerkungen:

(1) Tagebuchblätter, Bd. III, S. 365.
(2) Tagebuchblätter, Bd. I, S. 170, (04.09.1870).
(3) AB, Brief vom 22.05.1857.
(4) AB, Brief vom 14.06.1857.
(5) AB, Brief vom 19.08.1857.
(6) AF, Brief vom 04.11.1863.
(7) AF, Brief vom 03.09.1863.
(8) Tagebuchblätter, Bd. III, S. 365.
(9) Freytag/Stosch, vom 17.04.1870, S. 58.
(10) Tagebuchblätter, Bd. I, S. 180, 09.09.1870.
(11) AH, Brief vom 01.07.1874
(12) Tagebuchblätter, Bd. I, S. 3, 21.02.1870.
(13) vgl. Eckardt I, S. 47: "Busch war ein geschickter, auf den verschiedensten Sätteln fest aufgesetzter Journalist..".
(14) So mußte Busch seine Stelle als erster Pressereferent Bismarcks an Aegidi abgeben, und sich mit der Stelle als zweiter Pressereferent begnügen - oder kündigen-, Busch blieb. Vgl. Keudell, S. 477 f, besonders die Anm. 1, S. 478.
(15) Büschlein war der Spitzname Buschs bei den Grenzboten. vgl. Eckardt I, S. 47.
(16) NDB, S. 63.
(17) Vgl. z. B. die Briefe Bismarcks an Busch vom 03.08.1883, Nr. 1704, Bismarck, II, S. 942 und an den Prinzen Reuß vom 25.02.1884, Nr. 1715, Bismarck, S. 948, sowie Holstein, S. 64.
(18) NDB, S. 63.
(19) Fontane, S. 459, 27.12.1878.
(20) Vgl. Hierzu: Jolles, Charlotte: Fontane und die Politik. Ein Beitrag zur Wesensbestimmung Theodor Fontanes, Berlin/Weimar 1983.
(21) Brief Bismarcks an den Prinzen Reuß vom 25.02.1884 Nr. 1715, Bismarck, S. 948.
(22) Holstein, S. 54.
(23) Holstein, S. 55.
(24) Im Original gesperrt.
(25) Eckardt, I, S. 48.
(26) Freytag/Treitschke, S. 33f, Brief vom 14.12.1864.
(27) "Unser Publicum verlangt Gründlicheres. So ist auch die Form zu trivial, gewisse diminutive 'Profitchen' u. s. w. passen für uns gar nicht. Bitte Sie dies wenigstens für die nächsten Artikel zu ändern." AB, vom 14.06.1857.
(28) AB, Brief vom 02.08.1857.
(29) AF, Brief vom 01.04.1864.
(30) Den gleichen Vorwurf macht ihm später auch Bismarck, vgl. Bismarck, Nr. 1704, S. 942, Brief vom 03.08.1883.
(31) AF, Brief vom 06.04.1846.
(32) AB, Brief vom 05.08.1846.
(33) AH, Brief vom 03.08.1864.
(34) AH, Brief vom 08.08.1864.
(35) Freytag/Treitschke, S. 41, Brief vom 27.12.1864.
(36) Die Lösung der schleswig-holsteinischen Frage. In: H. v. Treitschke, Zehn Jahre deutscher Kämpfe, 3. Aufl. I, 9.
(37) Freytag/Treitschke, S. 43 f, Brief vom 13.02.1865.
(38) AB, Brief vom 16.02.1865.
(39) Freytag/Treitschke, S. 49, Brief vom 17.02.1865.
(40) AH, Brief vom 22.06.1865.
(41) AB, Brief vom 25.06.1865.
(42) AH, Brief vom 10.08.1865
(43) AB, Brief vom 24.07.1865.
(44) AB, Brief vom 26.08.1865.
(45) Freytag/Treitschke, S. 71, Brief vom 13.11.1865.
(46) Freytag/Treitschke, S. 80, Brief vom 19.11.1865.
(47) Freytag/Treitschke, S. 87, Brief vom 28.01.1866.
(48) AB, vom 26.08.1865
(49) Fischer-Frauendienst, S. 45.
(50) Wehler bezeichnet Busch als 'Preßlakei' Bismarcks, Wehler, S. 113.
(51) Freytag/Treitschke, S. 92, Brief vom 12.06.1866.
(52) Freytag/Treitschke, S. 67 f, Brief vom 18.06.1866.

Literatur:

Die Originale der zitierten Briefe von Freytag an Busch und von Busch an Freytag sind im Besitz der Stiftung preuß. Kulturbesitz, Berlin. Transkription Margret Galler. Im Text zitiert als AB = an Busch, AF = an Freytag, mit Datum.

Die Originale der Briefe Freytags an Salomon Hirzel liegen im Gustav-Freytag-Archiv in Wangen im Allgäu. Transkription Margret Galler. Im Text zitiert als AH = an Hirzel, mit Datum.

Neue Deutsche Biographie, hrsg. von der historischen Kommission bei der bayrischen Akademie der Wissenschaften Bd. 3, Duncker & Humblot, Berlin 1957, zitiert als: NDB.

Bismarck, Gesammelte Werke. Windelband, Wolfgang und Frauendienst, Werner (Hrsg.), Band 14, Briefe Band II 1862-1898, Berlin 1933, zitiert als Bismarck.

Busch, Moritz: Tagebuchblätter von Moritz Busch, III Bde., Leipzig 1899, zitiert als Tagebuchblätter.

Dove, Alfred (Hrsg.): Gustav Freytag und Heinrich von Treitschke im Briefwechsel, Leipzig 1900, zitiert als Freytag/Treitschke.

Eckardt, Julius von: Lebenserinnerungen, 2 Bde., Leipzig 1910, zitiert als Eckardt.

Erler, Fontane Briefe, zitiert als Fontane.

Fischer - Frauendienst, Irene: Bismarcks Pressepolitik. Studien zur Publizistik, Bremer Reihe, Deutsche Presseforschung, Bd. 4, Hrsg. Henk Prakke. (Diss) Münster, 1963, zitiert als Fischer-Frauendienst.

Helmolt, H. F. (Hrsg.): Gustav Freytags Briefe an Albrecht von Stosch, Herausgegeben und erläutert von H. F. Helmolt, Stuttgart und Berlin 1913, zitiert als Freytag/Stosch.

Jolles, Charlotte: Fontane und die Politik. Ein Beitrag zur Wesensbestimmung Theodor Fontanes, Berlin/Weimar 1983, zitiert als Jolles.

Keudell, Robert von: Fürst und Fürstin Bismarck, Erinnerungen aus den Jahren 1846 bis 1872, Berlin und Stuttgart 1901, zitiert als Keudell.

Rich, Norman und Fischer, M. H. (Hrsg.): Die geheimen Papiere Friedrich von Holsteins. Deutsche Ausgabe von Werner Frauendienst, Band I, Erinnerungen und politische Denkwürdigkeiten, Göttingen/Berlin/Frankfurt 1956, zitiert als Holstein.

Wehler, Hans-Ulrich: Das deutsche Kaiserreich 1871-1918, Deutsche Geschichte Bd. 9, 2. Aufl. 1975

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